IN MEMORIAM KURT GRIMM

         

 

XY war sein Leben

Auch wenn er kaum einem Zuschauer bekannt ist, hat Kurt Grimm Aktenzeichen XY...ungelöst doch ebenso geprägt wie Eduard Zimmermann. An 931 Filmfällen war Grimm als Regisseur maßgeblich beteiligt, über 30 Jahre zeichnete er als alleiniger Regisseur nicht nur für hervorragend inszenierte Filmfälle verantwortlich, sondern auch für die Studioregie.

Von der ersten Sendung im Oktober 1967 bis ins Jahr 1998 stand Kurt Grimm im Dienst „seiner“ Sendung. Nach der Sendelänge gerechnet entspricht dies mehr als 100 Spielfilmen und 300 Stunden Live-Sendung. Dennoch ist Grimm weiten Teilen der Bevölkerung unbekannt geblieben. Am 6. November starb Grimm nach langer schwerer Krankheit in München.

Kurt Grimm wurde im Jahr 1931 in München geboren, wo er auch aufgewachsen ist. Nach seiner Schulzeit hat er den Beruf des Kaufmanns erlernt und auch ausgeübt. Doch diese Arbeit machte ihm wenig Spaß. Eines Tages bewarb er sich erfolgreich auf eine Anzeige einer in Hamburg ansässigen Industrie- und Dokumentarfilmproduktion hin, die einen kaufmännisch ausgebildeten Werbeassistenten suchte. Für ihn bot sich so neben der Arbeit die Möglichkeit, sich mit Filmideen und Drehbüchern zu beschäftigen.

Nach einiger Zeit avancierte er zum Assistenten des Produzenten Fritz Boehner. Eine unersetzliche Hilfe, die ihm viel Wissenswertes für seinen künftigen Beruf vermittelte, war ihm schon damals seine spätere Frau Ilsemarie, die als Cutterin in derselben Firma tätig war. Später sollte sie ihm eine Zeitlang auch bei XY zur Seite stehen.

Als Grimm den bekannten Fremdenverkehrsort Oberammergau von der Notwendigkeit der Produktion zweier Werbefilme überzeugen konnte, bewegte er den Produzenten dazu, ihm die Realisation der beiden Filme zu überlassen. Die Streifen kamen gut an und Grimm beschloss, weitere Filme zu drehen. Einer davon wurde 1962 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

Immer öfter arbeitete er nun auch für das NDR-Fernsehen an Dokumentarfilmen zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen. Dort machte er dann die Bekanntschaft mit einem Mann, der einige Jahre später sein Arbeitgeber werden sollte: Eduard Zimmermann.

Zimmermann war bereits zum ZDF gewechselt, als er Grimm für die Mitarbeit an Vorsicht, Falle! gewinnen wollte. Da die Zusammenarbeit beim NDR nicht immer reibungslos verlief, hat Kurt Grimm dieses Angebot abgelehnt. Als Zimmermann im Jahr 1967 von seinen Plänen für eine neue Sendung (damals noch ohne Titel) berichtete, war Grimm von dieser Idee so angetan, dass er es doch noch mal mit Zimmermann versuchen wollte. In den ersten Gesprächen ging es nur um eine Pilotsendung, da man nicht wissen konnte, ob sie beim Publikum ankommen würde.

Und sie kam an. Mittlerweile war auch ein griffiger Titel gefunden, der übrigens einer Idee von Kurt Grimm entstammte: Aktenzeichen XY...ungelöst. Der Erfolg der Sendung war überwältigend, und es waren gerade die von Kurt Grimm inszenierten Filmfälle, die maßgeblich dazu beitrugen.

Kurt Grimms innere Beteiligung an den Fällen hat sich nie geändert. Anlässlich des 30-jährigen XY-Jubiläums 1987 sagte er:

„Es gibt für mich nichts Packenderes, als mich mit dem wahren Schicksal von Verbrechensopfern oder auch Tätern auseinander zu setzen und so feinfühlig, wie nur immer es geht, dem Zuschauer zu vermitteln. Das zu erreichen, wollte ich nie aufgeben.“

Neuland betrat Grimm auf dem Gebiet der Studioregie. Aber auch das wurde rasch zur Routine, und Grimm empfand diese Arbeit als Komplettierung seiner gestalterischen Bemühungen.

Gelegentlich war der Regisseur in XY-Filmen auch als Schauspieler zu sehen, zum Beispiel als Autofahrer, Kommissar und Pferdenarr. In einem am 5. Juni 1992 ausgestrahlten Filmfall ging es um den Mord an einem Mädchen im Goethepark von Weimar. Am Rande des Parks hatte an diesem Tag das ZDF-Sonntagskonzert stattgefunden. Grimm ließ es sich nicht nehmen, den Regisseur des ZDF-Sonntagskonzertes selbst zu mimen. Das Budget für die Filmfälle war stets so knapp bemessen, dass meist „billige“ Schauspieler engagiert wurden, deren Fähigkeiten – sagen wir mal – entsprechend widerspiegelten. So musste sich Kurt Grimm übrigens schon mal selbst eine Perücke aufsetzen und für einen Schauspieler einspringen, der nicht sprechen konnte.

Kurt Grimm ist besonders stolz darauf, dass es in den vielen Jahren zwar Zwistigkeiten mit seinem Chef gab, diese aber meist in freundschaftlicher Übereinstimmung gelöst werden konnten. Die Meinungsverschiedenheiten entstanden häufig durch den von Zimmermann stark eingeschränkten finanziellen Spielraum für die Filmfälle. In seinem Arbeitsfeld, das übrigens nicht nur die Regieführung, sondern auch die Bearbeitung der Drehbücher betraf, ließ Zimmermann seinem Regisseur freie Hand. Die Arbeit empfand Grimm zwar als anstrengend, aber doch sehr befriedigend. Rückblickend betrachtet hält er übrigens den Fall „Carré D’As“, bei dem es um einen durch freigelassene Pferde verursachten tödlichen Verkehrsunfall ging, für den gelungensten. In den 31 Jahren seiner Tätigkeit für die ZDF-Sendung war er nur zwei Tage krank. Im Jahr 1998 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Vorgeschlagen wurde er dafür aber nicht von seinem Arbeitgeber, sondern von seinem langjährigen Kameramann Helmut Bahr.

Grimm hätte ein ganz Großer seiner Branche werden können. Immer wieder wollten ihn Produzenten loseisen von XY, ihm dicke Brocken zum Verfilmen geben. Kurt Grimm blieb aber notgedrungen seinem Freund Eduard Zimmermann treu. „Ich hätte gerne einmal auch anderes gefilmt. Aber es hat keinen Sinn, sich was zu wünschen, wenn die Zeit dafür nicht vorhanden ist.“

Unter den Schauspielern und Kollegen war Kurt Grimm überaus beliebt, und auch noch heute bestehen freundschaftliche Kontakte. Lediglich als Autofahrer war Kurt Grimm gefürchtet. Wer seinen Fahrstil kannte, vermied es, bei ihm einzusteigen. Kurt Grimm bevorzugte übrigens Autos vom Typ Opel Manta. Noch lieber als mit dem Manta war Kurt Grimm allerdings mit seinem Pferd unterwegs. Der Regisseur teilte mit seiner Frau Ilsemarie diese Leidenschaft, und jede frei Minute nutzten die beiden, um gemeinsam auszureiten. Kurt Grimm war seit 1958 mit seiner aus Flensburg stammenden Frau in zweiter Ehe verheiratet. Das Ehepaar hat eine gemeinsame Tochter, die übrigens nach Kurt Grimms XY-Zeit auch noch für die Sendung als Cutterin tätig war. Aus der ersten Ehe hat Kurt Grimm zudem noch eine weitere Tochter.